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Archive for Oktober 2014

Was bedeutet für mich „Bildung“?

Auslöser war folgender Artitel in den Nachdenkseiten, der sich auf diesen Artikel in der ZEIT und die darin erwähnte Studie bezieht.

Der folgende Text hat das Ziel meine Gedanken zum Thema Bildung zu formulieren. Ich werde weder das aktuelle Bildungssystem der einzelnen Bundesländer auf Schwächen analysieren, noch sagen können „So gehts richtig. Dann wird alles besser.“ Daher kann es durchaus sein, dass meine Gedanken nichts Neues sind, bzw. durchaus schon vereinzelt umgesetz. Doch warum dann die ganze Mühe?

Ich rege mich gerne und sehr viel über Dinge auf, bei denen ich denke, dass es schlecht läuft. Wenn jedoch hinter dem Ärger und Unmut über aktuelle Zustände keine substanziellen Ideen und Vorstellungen stecken, wie man es besser machen kann, dann ist dieser Ärger nichts als heiße Luft und man entspricht dem typischen Wutbürger. Und genau diesem selbstgerichteten Vorwurf möchte ich mit diesem Text begegnen.

Das humboldtsche Bildungsideal

Der zentrale Punkt um den sich meine Gedanken drehen, ist die Frage „Was bedeutet für mich Bildung?“ oder „Was sollte sich ein Bildungssystem als Ziel nehmen?“. Als erste Antwort möchte ich die zentralen Punkte des Humboldtschen Bildungsideal aus der Wikipedia zitieren.

Ein autonomes Individuum soll ein Individuum sein, das Selbstbestimmung und Mündigkeit durch seinen Vernunftgebrauch erlangt.

„Das Weltbürgertum ist jenes kollektive Band, das die autonomen Individuen, unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Sozialisation verbindet: Bei Humboldt heißt es: ‚Soviel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln, ist im höheren Sinn des Wortes Leben.‘ Das Bemühen soll darauf zielen, sich möglichst umfassend an der Welt abzuarbeiten und sich dadurch als Subjekt zu entfalten. Zum Weltbürger werden heißt, sich mit den großen Menschheitsfragen auseinanderzusetzen: sich um Frieden, Gerechtigkeit, um den Austausch der Kulturen, andere Geschlechterverhältnisse oder eine andere Beziehung zur Natur zu bemühen.“ Die universitäre Bildung soll keine berufsbezogene, sondern eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige Ausbildung sein.

Dies kann ich so unterschreiben. Doch warum gerade dieses Ziel?

Jeder Mensch ist Teil der Welt und daher verändert er die Welt um ihn herum mit seinen Handlungen. Da viele Veränderungen nur schwer umkehrbar sind, ist es wichtig sich vorher mit den Folgen des eigenen Handelns auseinander zu setzen; also eine ethische Abwägung der eigenen Handlungen im Bezug auf unsere Umwelt durchzuführen. Doch wie soll man dazu in der Lage sein, wenn man seine eigenen Umwelt nicht versteht, wenn man nicht nachvollziehen kann Wie und Warum etwas passiert? Bevor man sich mit den Folgen des eigenen Handelns auseinander setzen kann, muss man verstehen wie die Welt funktioniert, nicht detailiert aber dennoch allgemeinumfassend. Daher sollte ein Bildungssystem ein allgemeines Verständnis der Welt um uns herum als Ziel haben.

Jeder Mensch ist Teil einer Gesellschaft und daher haben seine Handlungen auch Auswirkungen auf andere Menschen in der Gesellschaft. Im zweiten Teil des Zitats steht:

Zum Weltbürger werden heißt, sich mit den großen Menschheitsfragen auseinanderzusetzen: sich um Frieden, Gerechtigkeit, um den Austausch der Kulturen, andere Geschlechterverhältnisse […]

Allgemein kann man sich die Frage stellen, wie wir Menschen miteinander leben wollen. Wollen wir eine Welt, in der sich jeder selbst der nächste ist, oder wollen wir eine Welt in der sich Menschen gegenseitig unterstützen um als Gemeinschaft zu existieren. Ich persönlich halte die erste Version für nicht erstrebenswert. Jeder wird Momente aus seinem Leben kennen, in denen man allein nicht mehr weiterkommt und erst durch Hilfe von Außen eine Lösung findet. Daher halte ich es für erstrebenswert einen möglichst gerechtes und friedliches Zusammenleben zwischen allen Menschen als Ziel zu haben und Probleme der Menschen wie Krieg, Krankheit, Armut, Hunger zu bekämpfen. Die Formulierung der Menschenrechte in der UN-Charta zeigt das diese Idee nicht neu ist. Jedoch reicht es nicht, wenn diese Menschenrechte durch Mitgliedschaft in der UN formal festgeschrieben stehen. Daher schließe ich mich Humboldt an, dass jeder Mensch, jedoch gemäß seinen Ressourcen, an der Erreichung der obigen Ziele arbeiten muss und wenn es nur darum geht, sich selbst mit dem Thema auseinander zu setzen. Das bedeutet insbesondere, dass dem „Westen“, also den reichen Industrienationen, einen höhere Verantwortung obliegt, an diesen Zielen zu arbeiten.

Doch bevor man an diesem Zielen arbeiten kann, muss man ersteinaml in der Lage sein, sich mit den zugrunde liegenden Problemen auseinander zu setzen. Hierfür gilt das Gleiche, wie bei den Auswirkungen auf die Umwelt. Wenn ich nicht verstehe, warum es Armut, Hunger, Krieg, Krankheitsepidemien gibt, dann kann ich auch keine Lösung finden.

Somit ist für mich das Ziel von Bildung klar definiert. Es geht darum das Wissen zu vermitteln, welches notwendig ist die Welt um uns herum, sowohl bezüglich der Natur, als auch den Menschen betreffend, zu verstehen und gleichzeitig die Kompetenzen zu fördern, für diese Probleme Lösungen zu entwickeln. Nichts geringeres sollte hinter dem Begriff Bildung stehen.

Damit wird auch deutlich, dass Bildung kein Prozess ist, der nach der Schule oder dem Studium abgeschlossen ist. Es ist ein Prozess der einen das ganze Leben lang gegleitet und nie zu Ende ist.

Kann man objektiv das „beste“ Ziel bestimmen?

An diesem Punkt kommt aber die Frage auf, warum gerade dieses Ziel? Gibt es nicht andere Dinge die vielleicht wichtiger sind? Durchaus, jedoch glaube ich, dass das oben formulierte Ziel mit seinen Schwerpunkten „Alle Menschen sollen gut und gewaltfrei leben können und die Umwelt um sich herum bewahren“ der kleinste gemeinsame Nenner ist, auf den sich alle einigen können. Jeder ist Teil der Gesellschaft und Teil der Natur und sollte das Interesse haben, seinen „Lebensraum“ zu bewahren. Trotz dieses kleinsten gemeinsamen Nenners, oder gerade deswegen, ist das Ziel bereits so idealistisch, das es ein gigantischer Meilenstein wäre, wenn die Menschheit dieses Ziel erreichen würde. Doch nicht weniger als solche Ideale sollten das Ziel sein, auf das man hinarbeitet. Um diesem Ideal zumindest näher zu kommen, ist es unsere Pflicht heranwachsende Menschen mit den notwendigen Mitteln auszustatten um auf die Ziele hinzuarbeiten. Und genau diesen Auftrag hat die Bildung im humboldtschen Bildungsideal.

Doch wie vermittelt man solche abstrakten Kompetenzen? Im folgenden werde ich diesbezüglich meine Gedanken zu den Bildungswegen „Schulsystem“ und „Universitätssystem“ darlegen.

Das Schulsystem

Das Schulsystem mit den 10 oder 12/13 Jahren sollte dabei die Grundvorraussetzungen schaffen, sich mit der Welt auseinander zu setzen. Dazu gehört vor allem ersteinmal Verständnis für Dinge um den Heranwachsenden herum zu schaffen. Aus diesem Grund ist die breite Auslegung des Lehrplans mit seinen vielen verschiedenen Fächern notwendig und unverzichtbar.

Die Schule ist keine und vor allem darf keine vorberufliche Ausbildung sein. Daher ist es auch nicht notwendig einen Wert der vermittelten Inhalte für den späteren Beruf zu suchen. Den muss es gar nicht geben. Der Mensch ist von Natur aus neugierig. Bei kleinen Kindern sieht man diese Neugier am deutlichsten. Sie wollen alles entdecken und verstehen. Diese Neugier muss innerhalb des Schulsystems gefördert werden. Es darf nicht das Ziel sein, Kindern zu vermitteln, wer zu viele Fragen stellt der nervt und stört den Status quo. Jedoch sagt mein persönliches Empfinden, das genau das so passiert. In der Schule geht es darum, Informationen zu lernen um bessere Noten zu bekommen. Das ist das vorrangige Ziel. Ich erinner mich noch gut an Aussagen aus meiner Kindheit. „Wenn du keine guten Noten hast, bekommst du später keinen guten Beruf.“ Das ist fahrlässig und kurzsichtig. Es muss versucht werden, die Ziele der Bildung den Schülern zu vermitteln. Warum ist es wichtig die Welt zu verstehen? Warum ist es wichtig einem heranwachsenden ein ethisches Grundkonzept zu vermitteln. Wenn man nicht weiß wofür man zur Schule geht, dann hat man auch keine Lust dazu.

Besonders bei abstrakten Fächern wie Mathematik ist das umso wichtiger. Anders als im Biologie-, Physik- oder Politikunterricht behandelt die Mathematik keine greifbaren Dinge. Es sind abtrakte Konzepte die für den Schüler keinen Mehrwert haben. Was bringt es mir zu wissen wie ich das x berechne. Ich bekomme den Satz „Wozu brauch ich das später“ sehr oft als Nachhilfelehrer in Mathematik zu hören. Aber der Mathematikunterricht hat als Ziel, im Gegensatz zu anderen natur-, oder gesellschaftwissenschaftlichen Fächern, eben nicht als vorrangiges Ziel das Verständnis für etwas zu schaffen. In der Mathematik soll(te) vermittelt werden, wie man Probleme löst. Nicht mehr und nicht weniger ist das Ziel von Schulmathematik.

In diesem Fach schafft man eine Ausgangsbasis wo man nichts weiter hat, als einige Regeln und Methoden. Als Beispiel seien hier die Rechenregeln wie Potenzgesetze oder Ähnliches genannt. Hinzu kommen Methoden, wie die pq-Formel oder andere Algorithmen. Dies sind unsere Werkzeuge. Ausgerüstet mit solchen Werkzeugen¹ ist es jetzt die Aufgabe Probleme zu lösen, frei nach dem Motto: So lautet das Problem, dies sind meine Möglichkeiten, wie komme ich damit zu einer Lösung. Das ist der Kern der Schulmathematik und genau das muss auch vermittelt werden.

Es geht nicht darum ein und den selben Rechenweg immer und immer wieder zu üben. Sicherlich ist das wichtig um die Regeln und Methoden zu lernen, jedoch hat das nicht mit dem Ziel des Mathematikunterrichts zu tun. In keinem anderen Fach gibt es so viele Möglichkeiten ein und dieselbe Aufgabe richtig zu lösen. Warum nicht eine Analysisaufgabe mit Hilfe der Schulgeometrie lösen, indem man das Problem grafisch darstellt. Durchaus möglich. Doch was dahinter steckt ist viel wichtiger. Durch eine Veränderung des Standpunktes oder des Blickwinkels ergeben sich völlig neue Lösungsansätze.  Genau darum geht es im Mathematikunterricht. Kompetenzen zu fördern, die den Schüler befähigen mit Hilfe von Werkzeugen selbstständig Problemstellungen zu lösen. Jedoch wird der Unterricht diesem Anspruch nur in den wenigsten Fällen gerecht.

Solche Kompetenzen werden auch im Geschichtsunterricht oder in Deutsch vermitteln. Stichwort Textgebundene Analyse. Wie formuliere ich eine Argumentation, wie bewerte und analysiere ich Informationen. Gerade diese Punkte sind die wichtigsten Werkzeuge im Erwachsenalter. Wenn ich nicht in der Lage bin, das Problem in dem ich stecke zu analysieren, werde ich auch keine Lösung finden.

Warum wird das Schulsystem diesem Anspruch nicht gerecht?

Ich möchte in diesem Abschnirr nur kurz skizzieren wo meiner Meinung nach die Probleme liegen, dass das Schulsystem diesem Anspruch nicht gerecht wird.

Der erste Punkt auf den ich eingehen möchte ist der gesellschaftliche und/oder familiäre Druck.

Die Behauptungen gute Noten sind wichtig um später einen guten Beruf zu erlangen sind absoluter Unfug. Dies erzeugt zum einen Leistungsdruck und Versagensängste bei den Schülern, wodurch die Schule als lästig und nervig gesehen wird und die eigentlich natürliche Freunde neue Dinge zu verstehen und zu erfahren wird untergraben. Sicherlich wird es immer noch Fächer geben, die nicht jeden interessieren, aber es ist ein Unterschied ob so ein Fach dann einfach nur als Angebot gesehen wird neue Dinge zu erfahren, oder als Teilvorraussetzung für den späteren Beruf. Bei Ersterem können die Noten auch schlecht sein, jedoch würden unliebsame Fächer nicht als Zwang und damit als lästig angesehen werden, was die generelle Einstellung zur Schule heben würde.

Ein weiteres Problem welches die Schule zur vorberuflichen Ausbildung macht ist der Quasi-Abiturzwang. Die landläufige Meinung ist, dass man ohne Abitur nichts im Leben erreichen kann. Anders lässt es sich nicht erklären, warum Schüler, die große fachliche Probleme haben, ins Gymnasium gesteckt werden, obwohl ersichtlich ist, dass dabei keine guten Leistungen herauskommen werden. Das man mit einem Realschulabschluss ebenfalls später gutes Geld verdienen kann ist unbestreitbar, jedoch fehlt das Wissen wozu ein Abitur ursprünglich gedacht war. Das Abitur war als Vorraussetzung für ein Studium an einer Universität gedacht, nicht als Vorraussetzung für eine Ausbildung. Dennoch gibt es viele Unternehmen, die für ihre Ausbildung lieber Abiturienten nehmen, weil diese ein angeblich höheres Bildungsniveau haben. Ein Abitur sollte man also nur deswegen anstreben, um später zu studieren. Für alle anderen Berufe ist es erstmal unnötig.

Genau diese Überlegung kommt aber zu einem weiteren Problem. Nämlich die forschreitende Verkürzung der Schulzeit.

Dazu ist anzumerken, das jeder Mensch unterschiedlich schnell lernt. Der eine braucht 2 Minuten um einen Sachverhalt zu erfassen, der andere 30 Minuten. Wenn das Ziel der Bildung und damit auch der schulischen Bildung das oben erwähnte Ideal ist, kommt man nicht drumherum festzustellen, dass man diesen Prozess nicht beliebig beschleunigen kann, wenn man alle, oder zumindest möglichst viele, dort hinführen möchte. Daher ist die aktuelle Verkürzung der Schulzeit ein gravierendes Problem. Ziel ist es schneller junge Erwachsene in das Berufsleben zu entlassen oder in Managementsprache „Humankapital zu produzieren“, was aber exakt das Gegenteil dessen ist, was Schule bezwecken sollte. So kommt es, dass man von 15/16 jährigen verlangt sich zu entscheiden, ob sie Abitur machen wollen oder einen Beruf lernen. Wie viele können von sich behaupten, sie wussten in dem Alter bereits genau was sie später beruflich machen wollten und wie viele haben sich in ihrer Jugend so entwickelt, das sich ihre Interessen oder ihre Ansichten geändert haben. Daher glaube ich, dass das Schulsystem lieber verlängert werden sollte, statt immer weiter verkürzt zu werden.

Man kann darüber nachdenken, generell 13 Jahre zur Schule zu gehen, unabhängig vom angestebten Bildungsziel, denn vieles, was in den 3 Jahren Oberstufe gelehrt wird, ist essentiell als Bürger eines Staates und auch als sogenannter „Weltbürger“ im Sinne Humboldts. Man nehme das Funktionsweise des demokratischen Rechtsstaats, welche unverzichtbar ist für die politische Willensbildung hinsichtlich demokratischer Wahlen.

Damit würde man das Tempo aus der Schulzeit herausnehmen und so auf die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten der Schüler eingehen. Es bliebe auch Zeit für Muße. Also Zeit für die persönliche Identitätsbildung und freie Beschäftigung mit Dingen die einen interessieren. Außerdem bliebe mehr Zeit auf leistungsschwächere Schüler einzugehen und leistungsstärkere Schüler zu fördern.

Der Leistungsfetisch

Einen Punkt auf den ich in diesem Zusammenhang näher eingehen möchte, ist die Ökonisierung des Bildungssystem.

Die Idee dahinter ist, dass man sich anmaßt Bildungserfolge qualitativ, nur anhand der Noten, zu ermitteln. Welches Bildungssystem produziert die besten Schüler? Ein erfolgreiches Bildungssystem bedeutet aber nicht Aufgaben nach einem bestimmten Schema lösen zu können, wie es PISA behauptet. Ein erfolgreiches Bildungssystem zeichnet sich dadurch aus, dass der Schüler ermutigt wird, von sich aus Dinge zu erforschen und zu entdecken, kreative Talente bewusst zu machen und sich mit Gleichaltrigen auseinander setzen zu können. All das wird durch die Ökonomisierung nicht abgebildet. Es ist ein Irrglaube die soziale und inhaltliche Entwicklung eines Menschen quantifizieren zu können, da jeder Mensch anders ist und andere Interessen und Entwicklungsgeschwindigkeiten hat. Nur weil jemand schlecht in Mathe ist, heißt das noch lange nicht, das er auch ein schlechter Schüler ist.  Nur weil die Noten einige Jahre schlecht sind, muss nicht zwangsläufig der Abschluss auch schlecht sein. Vielleicht hatte der Schüler persönliche Schwierigkeiten zu überwinden, die seine Noten negativ beeinflusst haben. Solche Faktoren werden von PISA aber nicht beachtet. Es zählt nur die Note.

Die reine Ausrichtung des Bildungssystem auf gute Noten ist diametral zum humboldtschen Bildungsideal. Daher wäre es auch eine Überlegung wert, ob es Alternativen zum Notensystem gibt, da diese den Bildungserfolg nicht ausreichend abbilden können.

Das Universitätssystem

Gehen wir davon aus, dass nach Abschluss der schulischen Bildung alle nötigen Kompetenzen vermittelt wurden, um sich mit dem Alltag kritisch auseinander setzen zu können. Was sollte dann das Ziel des Studiums sein?

Ziel sollte es sein auf das oben genannte Ideal weiter hinzuarbeiten. Nachdem die Grundlagen dafür gelegt sind, ist es nun an der Zeit die Welt um uns herum zu hinterfragen und zu versuchen die Welt zu einem besseren zu machen. Das mag pathetisch klingen, doch nichts desto trotz bleibt dieser Anspruch auch wärend des Studiums aktuell. Desweiteren legt man mit der Wahl des Studienfachs sein Interesse fest, in dem man sich „umfassend“ weiterbilden will.

Auch beim Studium sollte nicht die berufliche Qualifikation im Vordergrund stehen, obwohl dies mit der Wahl des Studienfaches zusammenhängt. Die Bologna-Reform hatte aber genau das Ziel, die berufliche Qualifikation als Hauptgrund des Studiums zu etablieren, weshalb die Möglichkeit besteht nach dem Bachelor in das Berufsleben einzusteigen. Mit dem Bild des kritischen Studenten der an Universitäten mit Hilfe von Professoren und Kommilitonen gesellschaftliche Veränderung anstößt und kritisch begleitet hat das nichts mehr zu tun. Auch hier ist das humboldtsche Bildungsideal gänzlich vergessen worden. Das Studium ist übersäht mit Leistungsüberprüfungen, die dazu drängen für die Prüfung zu lernen um danach alles wieder zu vergessen, da bereits die nächste Prüfung ansteht. Der hohe Leistungsdruck der Bachelor-Studiengänge sorgt auch hier dafür, dass kaum Zeit existiert um sich und seine Umwelt zu reflektieren. Doch gerade das sollte im Studium noch stärker als in der Schule gegeben sein.

Stattdessen produzieren Universitäten aufgrund des verkürzten Schulsystems 21/22 jährige Masterabsolventen die gerade erst ihre Entwicklung zum Erwachsenen abgeschlossen haben. Das kann , meinem Verständnis nach, nicht das Ziel eines Studiums sein. Ich selbst habe Mathematik als Studienfach gewählt, weil mich die Schönheit der Mathematik fasziniert hat. Die Tatsache, aus einfachen Regeln und Zusammenhänge komplexe Strukturen zu verstehen und beschreiben zu können macht für mich die Faszination daran aus. Aber mir persönlich ist es wichtig, mich nicht nur mit meinem Studienfach zu beschäftigen. Ich habe das Glück, dass ich nebenher, trotz Nebenjob, Zeit habe mich mit den verschiedensten Dingen zu beschäftigen, die mich interessieren. Als Beispiel sei dieser Text genannt. Es hat nichts mit meinem Studium zu tun, doch es interessiert mich und ich nutze das, was ich in der Schule gelernt habe um dieses Thema für mich zu kritisch zu beleuchten. Für solche Dinge muss auch neben dem Studium Zeit sein. Denn darum geht es beim Humboldtschen Bildungsideal. Es gibt viel mehr als nur das eigene Studienfach und auch dafür sollte Zeit sein.

 

Anmerkungen

¹: Der Begriff Werkzeug ist als Metapher gemeint und bedeutet im späteren Leben Kompetenzen wie Textanalyse, kritisches Hinterfragen, oder banale Dinge wie Zeitmanagement oder handwerkliche Reperaturen.